Die Freiheit und das Wort – wie die Reformation das Leben der Menschen veränderte

Der Mensch an sich sei frei und brauche in seiner Beziehung zu Gott weder (Heilige als) Vermittler noch „gute Werke“; Gottes Gnade sei ein Geschenk, auf das der Mensch im Glauben antworte. Und das Wort der Bibel bilde die Grundlage dieses Glaubens. Deshalb müsse das Wort Gottes jedem zugänglich gemacht werden. Jeder trage Mitverantwortung und könne mitgestalten.

 

Mit diesen radikal neuen theologischen Grundsätzen stieß Martin Luther 1517 in Wittenberg die Reformation der Kirche und des Glaubens an. Sie griffen so grundlegend in die bisherige Lebenspraxis jedes Einzelnen und der Gemeinschaft(en) ein, dass sich daraus ein unvorhersehbares gesellschaftliches Erdbeben entwickelte, das jeden Christen zur Auseinandersetzung zwang. Die unterschiedlichen Glaubensinhalte und Wertesysteme hatten eine Spaltung von Kirche und Gesellschaft in nie gekannter Weise zur Folge. Dies veränderte das Leben der Menschen nachhaltig.

 

Das Herzogtum Württemberg erreichte das Beben 1534 mit der Rückkehr des 1519 seines Landes vertriebenen Herzogs Ulrich. Im Exil hatte Ulrich die Reformideen Luthers kennengelernt und sich rasch für diese begeistert, und als Landesherr bestimmte er nun ganz selbstverständlich auch die Konfession seiner Untertaten – cuius regio eius religio (wessen Gebiet, dessen Religion), so brachte es im Nachklang des Augsburger Religionsfriedens 1555 eine griffige Formulierung auf den Punkt.

 

Die Einführung der Reformation bedeutete freilich nicht nur eine Erschütterung der inneren Lebenswelt jedes Einzelmenschen, eine Neuorientierung in der individuellen Beziehung zu Gott, sondern auch einen tiefen Eingriff in viele Bereiche der äußeren Lebenswelt: Altgläubige Pfarrer wurden entlassen, Heiligendarstellungen aus den Kirchen verbannt, der Gottesdienst neu geordnet, Klöster aufgelöst, Kirchengut „verstaatlicht“, bis dato kirchliche Aufgaben wurden zu „staatlichen“, Kirche und Staat wurden eins.

 

Wir wissen inzwischen zwar manches über die theologische Neuorientierung, ihre Probleme und ihre Protagonisten im Land (etwa die württembergischen Reformatoren Ambrosius Blarer und Johannes Brenz). Die gewaltige Aufgabe der administrativen Umsetzung der Reformation, die mit gravierenden Eingriffen in Vermögen und kirchliche/staatliche Aufgaben verbunden war, bleibt allerdings noch weitgehend unterbelichtet. Für Württemberg spielte hier der Bietigheimer Sebastian Hornmold eine bedeutende Rolle. Als „Vogt von Bietigheim“ wurde der Vertraute des Herzogs bald mit teils heiklen Sonderaufträgen außerhalb seines Amtes betraut, etwa der personellen und vermögensrechtlichen Abwicklung von Klöstern und Kirchengütern, der Beschlagnahme und Inventarisierung von Kirchengut, der Entlassung und Neueinstellung von Pfarrern und Geistlichen.

 

Die ersten Jahre nach der konfessionellen Wende waren zunächst auch in Württemberg von einer gewissen Radikalität und Unsicherheit geprägt und dem Bemühen nach Neuorientierung. Auch in Bietigheim wurden Bilder aus den Kirchen entfernt, wie eine unscheinbare Rechnungsnotiz belegt. Konversionsunwillige Geistliche wurden ersetzt. Die bisher in der Krankenpflege tätigen Beginen, 3 oder 4 an der Zahl, verloren als ordensähnliche Einrichtung Stand und Aufgaben, durften aber in ihrem Beginenhaus am oberen Tor wohnen bleiben, bis „Schwester Anna“ als letzte Begine 1557 starb.

 

In den 1540er Jahren festigten sich die neuen Strukturen und der theologische wie administrative Weg wurde klarer. Im Rahmen einer Visitation erhielt Bietigheim im Jahre 1547 das 1534 eingezogene altkirchliche Pfründvermögen mit neuer Aufgabenzweckbindung teilweise zurück: Neben der Seelsorge wurden auch das Schulwesen sowie die Armen- und Krankenversorgung zur neuen (staatlichen) Aufgabe. Pfarrer und Lehrer waren nun herzogliche Beamte. Ihnen trat ein „Geistlicher Verwalter“ für die Vermögensaufsicht zur Seite.

 

Mit der Regierungsübernahme durch Herzog Christoph 1550 erhielten Kirche und Staat mit Hilfe neuer behördlicher Institutionen wie dem Kirchenrat und zahlreicher Ordnungen und Gesetze feste Strukturen, die der Ausbildung einer neuen Staatlichkeit und einer Sozialdisziplinierung der Untertanen Vorschub leisteten. Dabei spielte wiederum Sebastian Hornmold eine wichtige Rolle. Als erster Kirchenratsdirektor ist er ab 1553 maßgeblich mit der administrativen Einrichtung des neuen evangelischen Staatswesens betraut und als enger Vertrauter des Herzogs an allen Maßnahmen beteiligt. Mit dem Erlass der Großen Kirchenordnung im Jahre 1559, des kirchlichen „Grundgesetzes“ für Württemberg, sah Hornmold seine Aufgabe offenbar erfüllt. 1560 kehrte er nach Bietigheim zurück, von wo er noch bis 1567 dem Herzog als „Rat von Haus aus“ diente, ehe er hier 1581 starb.

 

Der starke Einfluss, den die Reformation auf das kirchliche und weltliche Leben gleichermaßen ausübte und die enge Verbindung von Kirche und Staat, die durch die Reformation gestiftet wurde, rechtfertigt es ganz selbstverständlich, dass auch das Gedenken an dieses historische Ereignis in Bietigheim-Bissingen gemeinsam von Kirche(n) und Kommune mit einem umfangreichen Programm begangen wird. Für beide, für Kirche und Kommune war die Reformation ein wahrhaft säkulares Ereignis, das Leben und Alltag der Menschen bis in die Mentalität hinein bis heute prägt.